Sonntag, 29. Oktober 2017

Eine schwierige Predigt

Predigt von Pfarrer Markus Beranek in der Stadtpfarrkirche Stockerau vom 30. Sonntag (29. Oktober 2017). Zum heutigen Thema gibt es eine ganze Predigtreihe, von der Sie heute die erste Predigt lesen können oder auch nachlesen können, wenn Sie sie in der Kirche gehört haben.

Über das heutige Evangelium zu predigen ist wirklich schwierig. Wissen sie warum? Ich vermute, es findet hier in der Kirche keinen Widerspruch. Es gibt auf ersten Blick nichts Langweiligeres als gut bekannte Bibelstellen!

Deshalb schauen wir uns zunächst einmal den Text genauer an. Manche seiner Zeitgenossen haben vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen. 248 Gebote und 365 Verbote zählt die Tradition in der Torah, den fünf Büchern Mose. Was Jesus im Gespräch mit den Gesetzeslehrern tut ist eine gewaltige Leistung: er bringt die Torah auf den Punkt. Jesus bringt es auf den Punkt. Er sagt das alles ist ein Weg, um ein liebender Mensch zu werden.

Was Nächstenliebe bedeutet führt dort zu einer sozialen Gesetzgebung, wo besonders die Kleinen und Schwachen geschützt werden. Nächstenliebe heißt nicht, dass jeder Mensch mein bester Freund sein muss. Nächstenliebe heißt aber ausnahmelos mit jedem Menschen fair und auf Augenhöhe umzugehen. Hier wird es konkret. Für mich ist das zum Beispiel die Frage: was heißt das, wenn ich mit jemand in einem Konflikt stehe, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, wenn ich tatsächlich als Chef etwas einfordern muss? Auch als Pfarrer bin ich nicht mit allem einverstanden und muss das immer wieder ansprechen – die Herausforderung, die ich spüre ist, dass ich dem anderen trotz aller unterschiedlichen Meinungen dennoch respektvoll begegne und dass ich mich selber verletzlich mache und für Kritik offen bin.

Jesus setzt die Gottesliebe an erste Stelle. Die Liebe und Leidenschaft für Gott hat sein Leben durchzogen. Wenn ich als Christ auf Gott vergesse, dann kann ich noch so sozial eingestellt sein, aber  ich bin vom lebendigen Strom abgeschnitten und komme möglicher Weise mit meiner Nächstenliebe auch rasch an die Grenzen. Liebe zu Gott heißt für mich, dass ich auf der Suche nach dem Größeren bin. Die Liebe zu Gott macht den Glauben spannend. Ja, ich habe eine Ahnung von Gott – aber er ist unendlich weit wie der Sternenhimmel und er ist kräftig und unberechenbar wie der Sturm draußen an diesem Vormittag.

(Im jüdischen Gesetz gibt es – ähnlich wie im Islam – eine Fülle von rituellen Bestimmungen. Was man essen darf und was nicht, was kultisch rein und unrein ist, wie das Opfer im Tempel dargebracht werden soll. Uns aufgeklärten Mitteleuropäern kommt das meist alles ziemlich fremd vor. Das Anliegen dahinter ist es, diese innere Haltung einzuüben, dass Gott anders ist, größer ist, unser Begreifen übersteigt – und dass wir ihn doch beständig in unserem Alltag suchen und finden können.)

Deshalb starten wir heute mit dieser Predigtreihe „es ist Liebe“ – wo es den ganzen November hindurch um die Gottesliebe geht. Einladung ist, dass wir mit einem wachen Gespür auf der Suche nach Gott sind. Diese Suche braucht Übung, Routine in einem guten Sinn. Wenn wir Gott nicht suchen, kommt er uns eines Tages leicht abhanden, wie eine Freundschaft die sich auflöst, weil wir sie jahrelang nicht gepflegt haben. Die innere Suchhaltung öffnet mir die Augen, dass ich Dinge wahrnehme, die ich sonst nicht erkennen würde.
Ich denke da an meinen Neffen, der schon letzten Sommer mit seinen vier Jahren ein leidenschaftlicher Schwammerlsucher war und mit einer irrsinnigen Freude eine Unmenge an Eierschwammerln entdeckt. Er ist kein verwöhntes Stadtkind, das man mit jedem Schritt zum Weitergehen motivieren muss, sondern er findet im Wald auch neben den Schwammerln unendlich viele Dinge, die ihn faszinieren und die unglaublich aufregend sind, etwa die Ameisen. Diese Neugierde macht den Wald für ihn zu einem unglaublichen Abenteuer und hilft ihm Dinge zu sehen, die andere nicht einmal wahrnehmen.

Mit Gott geht es mir ähnlich: Letzten Mittwoch war ich etwas irritiert über eine obdachlose Frau, die ausgerechnet vor dem Maria Pocs Altar im Stephansdom ihre großen Säcke sortiert hat. Dann ist mir der Gedanke eingeschossen: aber wo soll sie denn einen Platz haben, wenn nicht bei der Muttergottes? Ich bin dann ganz berührt weggegangen, berührt von dem Gott, bei dem auch diese Frau eine Bleibe hat.

Deshalb jetzt die Einladung, dass sie ein paar Momente nachdenken, wie Sie auf ihre Weise in der kommenden Woche ihrer Gottesliebe, ihrer Gottessuche nachgehen können: etwa indem sie in einer wachen Haltung mit der Schnellbahn fahren, die Zeitumstellung nützen, um in der Früh 15 min Stille zu haben, am Abend nochmals auf den Tag schauen und nachspüren, wo sie Gott auf die Spur gekommen sind, indem sie mit anderen Menschen gemeinsam beten – oder vielleicht etwas ganz anderes ausprobieren.

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